Nach Westen: Im Westen geht die Sonne unter. So war der Westen schon immer die Himmelsrichtung von Sterben und Tod: Bei unseren germanischen Vorfahren der Ort der Götterdämmerung, im jungen Christentum der germanischen Völker die Seite des Jüngsten Gerichts. In den großen Kathedralen Frankreichs ist im Tympanon der Westfassade das Gericht dargestellt, und da erscheint auch unter dem Weltenrichter Christus der Seelenwäger Michael: Auf der Waage, die er hält, werden die Seelen gewogen, ob gut oder böse, hinauf oder hinab. Ihm wird auch zugetraut, dass er die Kirche gegen die Dämonen, die auch von der Seite des Todes her erwartet werden, verteidigen kann. So wird ihm der Westturm oder eine Kapelle im Westteil der Kirche oder die ganze Westfront, manchmal 2 Türme mit einer Kapelle dazwischen, das sog.West-Werk geweiht.

Wir dürfen mit Sicherheit annehmen, dass auch unsere Kapelle, vielleicht zugleich auch die Abts-Kapelle, in solchen Zusammenhängen bestanden hat.

Der Raum: wahrscheinlich ist die Michaelskapelle der Raum in unserer Basilika, wo man sozusagen original ins 13.Jahrhundert schauen kann. Die Kreuzgratgewölbe der zwei kleinen Nebenräume, die Dienste, die Kapitäle, der Ansatz des Kreuzgratgewölbes der Haupträume, vermitteln uns die sakrale Raum-Stimmung romanischer Baukunst.

Die Decke: Leider konnte der Denkmalsschutz nicht zustimmen, das Gewölbe in seiner alten Form als Kreuzgratgewölbe wiederherzustellen, obwohl die Ansätze eines solchen Gewölbes über den Kapitälen für eine Einwölbung sprechen. Die Philosophie des Denkmalamtes besteht weithin darin, es möglichst bei dem derzeitigen Zustand zu belassen. Ob das Gewölbe einmal eingestürzt ist, oder ob es nie vollendet wurde – die historische Erinnerung in Ellwangen reicht nur soweit zurück, dass „schon immer“ eine einfache Bretterdecke statt des vollständigen Gewölbes da war. Schließlich und immerhin stimmte das Denkmalamt zu, dass die unschönen Bretter, die eher an einen Hühnerstall erinnerten, durch gebeizte Eichendielen ersetzt werden durften.

In romanischen Kirchen mit flachen Holzdecken wurden diese auch immer wieder durch Malerei geschmückt und gestaltet. In der Michaelskapelle geschieht dies durch eine einfache Zeichnung auf einem Weiß-Gold-Grund. Drei Hände lassen an die Hl.Dreifaltigkeit denken. Aus diesen Händen kommt der Mensch, „als Mann und Frau schuf er sie…“. Gottes Hände beschützen das Werk seiner Hände , – in seine Hände gehen wir einmal zurück. Jedermann weiß, dass Gottes „Hände“ anders aussehen als unsere, aber, wenn wir von der Hand Gottes sprechen, müssen wir an unsere Hände denken, weil sonst wir uns überhaupt nichts vorstellen könnten. So ist in jeder Menschenhand der Hauch einer Ahnung von Gottes „Hand“ sichtbar. Und: oft schaffen seine Hände nur durch unsere Hände.

Das Michaelsfenster: An der Südwand der Kapelle. Heute ist es fast unmöglich, sich den Hl.Michael vorzustellen als einen Engel mit Flügeln in einer ehernen Rüstung, wie er mit Schwert oder Lanze den unter ihm liegenden Satan oder den Drachen besiegt oder erschlägt oder durchbohrt. Was nicht sein kann, ist leichter gesagt, als was es dann statt dessen sein könnte. Auf unserem Fenster sind Formen sichtbar, die immer noch an Flügel erinnern könnten, vielleicht auch an Flammen: Flammenflügel – Flügelflammen. In der Mitte aber steht in den Buchstaben, in denen sein Name zum ersten Mal im Buch Daniel (Dan 10,13) geschrieben ist, das, was dieser Name auch heute noch fragt, vielleicht mehr als je zuvor:

Wer wie ER? wer ist wie ER? WER IST WIE GOTT?

Vom unteren Bildrand her kommt der Widerspruch, der Widersacher. Die Schlange flüstert es im Buch Genesis: Ihr werdet sein wie Gott. Der Mensch greift zur Frucht der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Er will selbst entscheiden, was gut und böse ist. Ein Riss, die Ursünde geht seither durch die Schöpfung. In allen Sprachen aller Völker – auf unserem Fenster in hebräisch, griechisch, lateinisch und deutsch, wiederholt sich die Versuchung: sein wie Gott! sein wie Gott! Die nächste Generation wird sichtbar: die Erbauer babylonischer Türme „bis zum Himmel“. Wo sind die Türme unserer Selbstherrlichkeit? Der Name des Engels bleibt, die Frage auch an uns: MICHAEL – WER IST WIE GOTT?